Scottie Bullerbär

Minimalprinzip x IQ-Transhumanz... von den Vorzügen eines ökonomischen Sporthundes

 

Ökonomisches Denken (und Handeln...) ist ja grundsätzlich etwas recht Positives! Schon im Studium lernt man, dass sowohl das Sparsamkeitsprinzip (Minimalprinzip) als auch das Maximalprinzip ihre guten Seiten haben, je nachdem, von welchem Ausgangspunkt man es betrachtet.

 

Bei Scottie überwiegt ganz eindeutig das Minimalprinzip: mit möglichst geringem Einsatz (Input) ein gegebenes festes Ziel (Output) erreichen. Wäre er ein Autofahrer, hätte er schon längst die goldene Plakette für umweltfreundliches, rücksichtsvolles Agieren im Straßenverkehr erhalten. Er wäre derjenige, der bei einer roten Ampel bereits in 500 m Entfernung den Fuß vom Gas nimmt, auskuppelt und den Wagen langsam ausrollen lässt, um bei 10 km/h vor der gelben Ampel wieder langsam zu beschleunigen, um genau bei Grün und Tempo 12,5 km/h die Ampel zu passieren (das Anti-Ressourcen-Verschwendungsprinzip). Er ist derjenige, der ohne Eile und Hast und nur auf eindringliche Aufforderung in den Laderaum des Autos springt, weil ja doch niemand ohne ihn fortfährt. Derjenige, der erst einmal abwartet, ob ihm jemand nach dem Aufenthalt im Garten die (angelehnte!) Terrassentür ins Haus öffnet. Derjenige, der sich fragt, warum er den Ball mehr als zwei Mal zurückbringen soll, wenn Frauchen ihn doch immer wieder wegwirft (das Anti-Wiederholungsprinzip); derjenige, der erst einmal in der Haustür stehen bleibt, wenn es regnet und die Vor- und Nachteile eines Spaziergangs abwägt (die Kosten-Nutzen-Analyse). Und warum also mit Vollgas auf eine Hürde zurennen, wenn doch ersichtlich ist, dass er danach eng wenden und in entgegengesetzter Richtung weiterlaufen soll…? Warum nicht eine verwinkelte Parcourspassage in aller Ruhe nehmen, wenn „schnell“ doch einen ressourcenverschwendender Wechsel zwischen „be-, ent- und wieder beschleunigen“ bedeuten würde? Wenn doch eine gleichbleibende Durchschnittsgeschwindigkeit das Maß aller Dinge ist...?

 

Scottie an das Maximalprinzip heranzuführen (also mit gegebenen festen Mitteln (Input) einen möglichst großen Nutzen (Output) zu erzielen) ist so zielführend wie die Frage, welche Farbe Schlümpfe wohl bekommen, wenn man sie würgt. Der Anspruch, sich in welcher Weise auch immer einmal „verschwenderisch“ also unökonomisch zu verhalten, lastet mitunter so schwer auf ihm, dass er zwischenzeitlich beschließt, seine Bemühungen zur Gänze einzustellen und im leichten Trab den Parcours zu beenden; bei Regen auch schon mal deutlich vor dem letzten Hindernis. Frauchens´ wohlgemeinter Masterplan „schnell rein – schnell raus“ blieb/bleibt b.a.w. ein Traum und auch die Überlegung, bildet man den Hund nur gut aus, läuft alles wie am Schnürchen, scheitert regelmäßig an den SEHR moderaten sec/m… Auch bei zahlreichen V0s klafft eine beeindruckende Lücke von 2 – 10 sec. auf den Erstplatzierten (meistens ein BC-Vertreter…).

 

Ich bin regelmäßig hin- und hergerissen zwischen Frust einerseits und Bewunderung andererseits. Wie schön wäre es doch, wenn sich Scottie mal so richtig ein Bein ausreißen würde (natürlich nur bildlich gesprochen…), aus eigenem Antrieb, eigener Motivation heraus und dies nicht nur für eine Hürde, sondern auch mal für die Länge eines ganzen Parcours, einer vollständigen Trainingseinheit – ganz herrlich wäre das! Andererseits komme ich nicht um einen Funken Bewunderung für ihn umhin und grinse in mich hinein, wenn er in Denkerpose am Start steht und überlegt, worin wohl der Sinn liegen soll, für einen läppischen Ball, einen Wursthappen oder ein verbales Lob dem Anti-Wiederholungsprinzip abzuschwören…

 

An seinem IQ ist also nicht nur aus diesem Grunde nicht zu zweifeln! Er ist kein tumber Triebtäter – oh no! Was ihm an Schnelligkeit fehlt, macht er durch überlegte Intelligenz wieder wett – ein Einstein für Lahme sozusagen. Auf Turnieren kommt uns dies regelmäßig zu Gute, denn Scottie hat schnell verstanden (jep – schnell in Kombination mit Denken (nicht Handeln!) kann er…), dass „Turnier“ gleichbedeutend ist mit „nur einmal (1!) laufen“ und nach 30 sec. ist alles vorbei. Danach erst einmal 2 h Pause… Scottie, the Economist. Wäre da nicht seine EIAW-Einstellung, wären die Turniertage IMMER unser Motivations-Highlight. Eigentlich...! Aber EIAW (eigentlich immer außer wenn…), bedeutet auch, dem ist nicht so, wenn:

 

  • es regnet,
  • es geregnet hat und der Untergrund und das Tunnelinnere noch feucht/nass sind,
  • der Untergrund sandig ist und Belohnung/Ball somit Sand in den Zähnen bedeutet,
  • es warm ist,
  • es heiß ist,
  • ihn zuvor ein anderer Hund dumm anmacht (nicht zuträglich für sein sensibles Innenleben),
  • ein anderer Hundehalter seinen Hund in unmittelbarer Nähe anmacht (dito),
  • er nicht wenigstens 20 Minuten anderen Hunden beim Arbeiten zusehen oder – hören kann, um seinen Adrenalin-Level über den Gefrierpunkt zu katapultieren,
  • Frauchen nicht in „Flower-Power“-Stimmung ist (und sei es nur, weil sie Kopfschmerzen hat oder launig ist ob des frühen Aufstehens am Turniertag und/oder des Zusammenbruchs des Hobbit-Camping-Stühlchens vor dem Zelt mit der lebensspendenden Tasse Kaffee in der Haltevorrichtung...

Stimmungen… und Scottie – ein heikles Thema! Niedliche Laute meinerseits der Ermunterung, des Entzückens, der Wiedergutmachung oder der Wiederbelebung seines Arbeitswillens nach einer Trainingswiederholung („jaaa feeeeiiiin, guuuuuter Hund, der Beeeste…“) werden in Nanosekunden auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht. Unehrlicher Seelenstriptease ist vergebliche Liebesmüh – dieser Hund hat eine unglaubliche Antenne für Emotionen und unterscheidet sofort: FAKE… oder nicht FAKE! Keine Chance, sich über etwas zu ärgern oder einfach nur „nicht ganz zufrieden“ zu sein, und dann lediglich eine gute Miene aufzusetzen, den Futterbeutel zu zücken und den Eunuchen-Ton anzuschlagen… und zu hoffen, dass dies Scottie überzeugt! Diese Taktik funktioniert bei all meinen anderen Hunden wunderbar: sag CHEESE, auch wenn Du innerlich explodierst – egaaaal: hohes C- Stimmchen, Ball in Sichtweite – das IST guuuut, das MUSS guuuut sein - no doubt!

 

Halten wir also fest – die ideale Ausgangslage für einen motivierten, intelligent zuhörenden, irgendwie zügig laufenden und damit arbeitstauglichen Scottie ist an viele Voraussetzungen geknüpft – fehlt es nur an einer, ändert sich alles. Für mich führt dies regelmäßig zu einer senilen Turnierflucht, denn weder kann ich das Wetter beeinflussen, noch will ich als Ü50er das Kiffen anfangen, um eine grundehrliche „suuupiiiii“- 68er-Woodstock-Aura zu verströmen.

 

Die überschaubaren Nachteile eines Ökonomie-Hundes im Sport wiegen die Vorteile im Alltag jedoch mehr als auf: ein wunderbar leichtführiger Hund, immer bemüht, alles richtig zu machen und jedem Konflikt mit Zwei- oder Vierbeinern aus dem Wege gehend. Ein Hund, der auf Spaziergängen keine Bespaßung erwartet und mangels einer solchen auch nicht auf dumme Gedanken kommt. Sein durchschnittlicher Erregungslevel gleicht einem Thermometer an einem schönen, sonnigen Mitt-Wintertag: alles möglich zwischen – 5 und +5 Grad. Falls doch mal ein Hase oder ein Reh direkt vor seiner Nase aufspringt, genügt ein leiser Pfiff und er ist da. Er begegnet allem und jedem mit Freundlichkeit, Offenheit und dem angemessenen Maß an Respekt – Menschen wie Hunden gleichermaßen. Scottie ist ein ruhiger Sofa-Kuschelhund, der stundenlang in ein und derselben Schlafposition verweilen kann, ein zärtlicher Ohrläppchen-Küsser und der süsseste Langnasen-Stupser überhaupt! Kurzum: ein Traumhund für jeden, der keinen Sport mag.

 

Es bleibt also alles beim Alten: an manchen Agility-Tagen…

 

…können Scottie und ich gemeinsam die Welt umarmen und erobern, denn es regnet nicht und ich bemühe mich um aufrichtig empfundene Geduld und Nachsicht und erkenne, wann mein Kopf nicht durch die Wand passt und dass GINSENG kein Allheilmittel ist.

 

An allen anderen Tagen… trainiere ich lieber mit meiner Nachwuchshündin, die den Parcours schon auswendig kann nach 3 Wiederholungen, aber immer noch „voll Bock“ hat auf das Miniwürstchen, den blöden Ball oder ein quietschiges „Feeeiiiin“ meinerseits. Sogar bei Regen und ohne „Flower-Power“-Gedöns. Minimalprinzip…? Nie gehört!

 

 

 

 

Martina Wald

im November 2013

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